Mainz / Wiesbaden, 27.05.2009: Auf der zweiten Diskussionsveranstaltung des „Bündnisses“ zum Thema „Warum Mainz kein Kohlekraftwerk braucht“ inf ormierten am Dienstag, 26.05.09, zwei Mitglieder der Mainzer Ärzteinitiative im „Haus am Dom“ etliche interessierte Bürgerinnen und Bürger über die medizinischen Bedenken, die gegen das KMW-Projekt sprechen.
Einleitend erläuterte der Moderator des Abends, der 2. Bündnis-Vorsitzende Dr. Meinrad v. Engelberg, den Anwesenden, warum auch nach medienwirksam verkündetem Baubeginn durch die KMW noch keineswegs alles entschieden sei, da die unabhängige juristische Prüf ung der Rechtmäßigkeit der vorläufigen Teilbaugenehmigung ja noch gar nicht erfolgt sei, so dass die KMW derzeit auf eigenes Risiko die Bagger rollen lässt.
Der erste Vortragende, der Mainzer Umweltmediziner Prof . Dr. Michael Pietsch, berichtete über die drohende Keimbelastung durch das im projektierten KHKW-Kühlturm ungeklärt in die Luft geblasene Rheinwasser. Seine beim Erörterungstermin 2008 erstmals vorgetragenen Einwände, zunächst in KMW-typischer Manier für „irrelevant“ erklärt, haben inzwischen Eingang in die Auflagen der Genehmigungsbehörde gefunden – „eigentlich eine Ohrf eige für jene KMW-Experten, die zunächst behauptet hatten, es gäbe diese Risiken gar nicht!“, so Pietsch. Anhand einzelner Stoffe belegte er dann weitere Gesundheitsrisiken durch die Kraftwerksemissionen. Der Grenzwert für Feinstaub sei in diesem Jahr bereits schon überdurchschnittlich oft überschritten worden. Jede weitere Emissionsquelle mache deshalb alle Bemühungen zur Begrenzung zunichte. Die Grenzwerte für Stickstoffoxide würden bereits jetzt regelmäßig überschritten. „Die Genehmigungsbehörde hätte eigentlich nur eine Null-Emission akzeptieren dürfen“, sagte Pietsch. Besonders problematisch sei die Ausscheidung des krebserzeugenden Benzo(a)pyren. Hier gebe es gar keine Daten über Vorbelastungen im Rhein-Main-Gebiet. „Wie kann man eine zusätzliche Emission genehmigen, ohne zu wissen, ob die Luftbelastung nicht bereits jetzt zu hoch ist“, fragte Pietsch. Zum Schluss ging er auch auf die Bedeutung der CO2-bedingten Klimaerwärmung ein, die zu einer höheren Aktivität von Überträgern von Krankheitserregern führen werde – auch in Deutschland. Als Beispiel führte Pietsch die zunehmende Ausbreitung der FSME-Gebiete in Deutschland durch die höhere Zeckenaktivität an. „Die globale Erwärmung wird nicht durch ein Kohlekraftwerk in Mainz verursacht. Es ist aber Teil dieses globalen Problems“, erläuterte Pietsch.
Beide Mediziner legten großen Wert darauf, keine unsachliche Panik zu schüren, wie ihnen von den KMW-Befürwortern oft vorgeworfen wird, sondern betonten, dass das Kraftwerksprojekt nicht allein an der Einhaltung von Grenzwerten für Einzelschadstoffe, sondern im Zusammenhang der unzweifelhaft hohen Gesamtbelastung in der Region gemessen werden müsse. Problematisch sei vor allem jene Dauerbelastung, die keine Akutprobleme verursache, die aber unerkannt mit anderen Cofaktoren über einen längeren Zeitraum "mehr oder weniger hinterlistig" zu Erkrankungen führen könne.
Im zweiten Referat des Mainzer Lungenfacharztes Dr. Uwe Semmler wurde ein eindrucksvoller Bogen von der nüchternen Betrachtung der schon heute oft zu hohen Feinstaubbelastung in Mainz zu fundamentalen Fragen der menschlichen Gesundheit geschlagen: Wer, so Semmler, die „Vertikalspannung“, eine naturgesetzhafte Beschreibung des Prinzips „Auf-Richtigkeit“, mit den unbezweifelbaren gesamtgesellschaftlichen und moralischen Verpflichtungen nicht auf rechterhalte, werde schon allein dadurch krank, dass er bewusst oder unbewusst gegen die Vorgaben des eigenen Gewissens handele. Dies sei keine Frage von Schadstoffgrenzwerten, sondern von Prinzipien: „Es nützt einem einzelnen Betroffenen nichts, wenn er statistisch betrachtet an 364 Tage im Jahr gesund ist, und an einem einzigen Tag durch eine infolge Inversionswetterlage erhöhte Feinstaubkonzentration einen Herzinfarkt erleidet!“ In diesem Sinne forderte der Mediziner, lieber auf die vorhandenen Kräfte der Erde, also den Ausbau regenerativer Energien zu setzen, als mit aller Gewalt, aber bar jeder Vernunft ein Projekt durchzusetzen, das schon vor seinem Bau veraltet ist, weil es die elementarsten Forderungen der globalen Fairness und Rücksichtnahme missachtet.
Engelberg schloss die Versammlung mit der Aufforderung an die zahlreichen Zuhörer, diese Verantwortlichkeit f ür die Zukunft der Region auch an der Wahlurne zu praktizieren. Es sei ja kein Geheimnis, welche Parteien und Kandidaten sich für und welche gegen das KMW-Projekt aussprechen.




